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Das Interview führte und schrieb: Petra Nau, Kassel
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Kai Loser, Jahrgang 1959, bewohnt im Herzen Münchens eine kleine Dachgeschosswohnung. Als ich dort zu unserem Gespräch erscheine, duftet es bereits nach Olivenöl, reifen Tomaten, Knoblauch, Kräutern und Wein. Er hat sich ein italienisches Menü überlegt, das er zubereiten will.
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In dem kleinen Wohnraum dominiert ein alter Teakholztisch von imposantem Ausmaß, unzählige Bilder bestücken die Wände, überwiegend Originale, von denen viele sein ältester Bruder und ein gemeinsamer Freund gemalt haben. Es herrscht Ordnung, alles hat seinen Platz, lediglich um die Leseecke mit den Designersesseln stapeln sich Bücherberge. Er liest gerne in seiner Freizeit. Zu seinem Bedauern aber kommt momentan dieses Vergnügen ebenso zu kurz wie seine Lust am Kochen und gemeinsame Essen mit Freunden. Die Firmengründung hat Priorität, da bleibt nicht viel Zeit für anderes.
Auch in der winzigen Küche ist alles übersichtlich angeordnet. Er versteht zu organisieren und zu planen. Neigt er zum Perfektionismus? Leider ja, gesteht er mir. Da habe ich eine seiner Schwächen entdeckt. Lieber würde er öfter fünfe gerade sein lassen können, den Anspruch an sich selbst etwas herunterschrauben, einfach gelassener sein. Das täte ihm gut- und seiner Umwelt auch, fügt er schmunzelnd hinzu.
Wir stehen in der Küche und trinken Rotwein. Kai Loser schneidet Schnittlauch. Er ist gut gelaunt und zeigt mir, während er in den verschiedenen Töpfen rührt, seine komische Seite. Mit beeindruckender Bassstimme und falschem Text verfremdet er kabarettreif einen alten Schlager. War er in der Schule der Klassenclown? Er lacht schallend auf. Nein, ganz bestimmt nicht. Er war ein introvertierter, schüchterner Junge, der sich nicht viel zutraute. Sein trockener Humor hat ihn manchmal gerettet und ihm Sympathien eingetragen.
Zu dumm! Er hat vergessen Rosmarin zu besorgen. Auch gut, würzt er eben mit Thymian. Unvorhergesehenes bringt ihn nicht aus der Ruhe, er hat Improvisationstalent und liebt Herausforderungen- nicht nur beim Kochen.
In seinem Beruf als Trainer und Coach wird er häufig vor neue Aufgaben gestellt, muss kurzfristig umdenken können, situativ flexibel sein - und kreativ. Sein Potential diesbezüglich ist groß und er weiß es einzusetzen. Sei es, wenn er gerade ein Kochrezept abwandelt oder wenn er bei einem Kunden zur Veranschaulichung einer Gruppensituation die guten alten Matchboxautos einsetzt. Sicherlich kommen ihm hierbei auch seine schauspielerischen Fähigkeiten zugute, die er sich in jungen Jahren bei einer Amateurschauspielgruppe erworben hat.
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Er macht sich viele Gedanken über die methodische Vermittlung von Inhalten, bemüht sich um Transparenz. Seine Kunden sollen verstehen können, worum es ihm geht. Hätte er mit dieser Ausstattung nicht auch gut Lehrer werden können? Um Gottes willen, erziehen und lehren sollen andere. Nein, da hätte er alternativ zu seinem jetzigen Beruf doch lieber Musik studiert, wäre Dirigent eines großen Orchesters geworden oder Regisseur, auch der Beruf des Kameramanns könnte ihn reizen. Er bedauert aber keineswegs seinen heutigen Berufsweg eingeschlagen zu haben, im Gegenteil, er hat seinen Traumberuf gefunden. Im Übrigen ist er darin ein wenig Dirigent, führt Regie und ist vor allem immer der Kameramann, der die Szene präzise beobachtet, wenn notwendig fokussiert, scheinbar Unwesentliches hervorhebt. Es ist nicht nur eine besondere Eigenschaft von ihm, sich Dinge äußerst genau anzusehen und hinter das Augenscheinliche zu blicken, mehr zu hören, als nur das, was ausgesprochen wird. Er ist Fachmann auf diesem Gebiet.
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Bevor er intensiver auf seine Ausbildung und die einzelnen Stationen seines beruflichen Weges eingeht, deckt er sorgfältig den Tisch und wählt aus dem CD-Regal moderne Klaviermusik. Bei dem Thema Musik gerät er ins Schwärmen, die Klassische Musik begeistert ihn zunehmend. Voll Bewunderung berichtet er davon, wie mühelos es seiner Querflötenlehrerin gelang, Noten in Klang umzusetzen. Mit dieser Leichtigkeit würde er auch gerne spielen können. Er arbeitet daran, wohlwissend, dass es noch Jahre dauern wird, bis er ihren Standard erreicht hat. Kai Loser steckt sich Ziele- privat wie beruflich.
Nach dem Fachabitur und einer zweijährigen Stippvisite in der Jugendarbeit absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Programmierer. Einige Jahre arbeitete er als EDV - Operator bei verschiedenen Firmen, war Abteilungsleiter bei einem international tätigen Softwareunternehmen mit der Aufgabe, zwischen Servicetechnikern, Vertriebsleuten und Kunden zu vermitteln. 1993 wechselte er zur Corphis Consulting GmbH, wurde Mitgesellschafter und beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit der Optimierung von Serviceprozessen. Ein Jahr später schloss er seine umfangreiche dreijährige Ausbildung zum Coach und Supervisor ab. Er hat gelernt, sich und andere zu reflektieren, vor allem aber zu erkennen und zu verstehen, dass die Beweggründe, die Menschen zu ihrem Handeln veranlassen, meist sehr vielschichtig sind und dass überdies jeder Mensch die Welt mit anderen Augen sieht. So banal das auch klingen mag, es sind seiner Meinung nach die wesentlichen Faktoren, die häufig eine Verständigung untereinander erschweren und dadurch Entwicklungsprozesse sogar verhindern, ganz subjektiv im persönlichen Leben, aber eben auch am Arbeitsplatz. Diese Störungen zu beheben, mittels bestimmter Techniken die Kompetenzen der Mitarbeiter auf der persönlichen Ebene zu erweitern, ihre Rollenflexibilität zu verbessern und Teamfähigkeit zu fördern, aber auch eine Verständigung untereinander zu ermöglichen und Impulse zu setzen sind Schwerpunkte seiner Arbeit. Fragt man ihn nach seiner Berufsbezeichnung, dann antwortet er ganz spontan, er sei Brückenbauer.
Wenn Kai Loser so eindringlich die Zusammenhänge subjektiver Erfahrungen und deren Auswirkungen schildert, ahnt man, dass er seine Erkenntnisse nicht nur aus seinem Studium und der Fachliteratur gewonnen hat. Während er nachdenklich den Rotwein in seinem Glas schwenkt, berichtet er davon, wie schwer ihm manche Veränderung in seinem Leben gefallen ist. Häufig gingen diesen Veränderungen private oder berufliche Krisen voraus. Die Trennung von seiner Frau war zum Beispiel ein langwieriger, schmerzvoller Prozess, aber unumgänglich. Trotz ihrer starken Verbundenheit konnten sie über die unterschiedlichen Lebenskonzepte nicht hinweglieben. Glücklicherweise ist das gemeinsame Lachen und die Fürsorge für den anderen bei der Trennung nicht auf der Strecke geblieben, resümiert er. Dass das so ist, führt er darauf zurück, dass sie beide bereit waren sich intensiv und möglichst ehrlich auseinander zu setzen. Zwei Wesenszüge von Kai Loser werden hier deutlich: Er verabscheut es, in Stagnation zu verharren, stattdessen verändert er lieber unbefriedigende Situationen, auch, wenn es schmerzhaft ist und ein hohes Maß an persönlichem Einsatz erfordert. Und lange, dauerhafte Bindungen sind für ihn von großer Bedeutung. Es lohnt seiner Meinung nach, sie zu pflegen und durch schwierige, auch unangenehme Situationen gemeinsam hindurchzugehen. Er investiert sehr viel, er fordert aber auch viel. So kann er in seinen Analysen geradezu chirurgisch sezierend werden. Das mag nicht jeder. Wer jedoch Kontakt zu ihm haben will, muss das aushalten, denn, so einer seiner Leitsätze: An den Grenzen beginnt die Begegnung!
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In seiner beruflichen Arbeit handhabt er es nicht anders. Der Erfolg eines Projektes hängt für ihn einerseits ab von der Kompetenz, der Erfahrung und dem Engagement der Trainer, aber auch von der Einsicht der Mitarbeiter, dass eine Veränderung bestehender Strukturen manchmal unvermeidlich ist. Gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten, sei das nun mit seinen Kollegen oder mit einem Auftraggeber und dessen Team macht für Kai Loser den besonderen Reiz seines Berufes aus. Seinen Kunden fühlt er sich dabei persönlich sehr verbunden. Auch nach Jahren denkt er noch an einzelne Situationen gemeinsamer, manchmal kontroverser Auseinandersetzungen zurück, die auch für ihn Wachstumschancen ermöglichten.
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Wenn er manchmal nicht ruhig schlafen kann, weil ihn ein Projekt beschäftigt und er die Verantwortung spürt, die ihm übertragen wird, weiß er, es geht vielen seiner Kunden nicht anders und er ist ihnen dankbar für das Vertrauen, das sie in ihn setzen.
Wenngleich er seinen Beruf liebt, langweilig wird ihm sicher nicht, wenn er mal den Rentenstatus erreicht hat. Dann will er sich intensiv dem Studium der Geschichte widmen, bevorzugt der deutschen. Als Jugendlicher und junger Erwachsener hat ihn thematisch besonders der Nationalsozialismus interessiert, insbesondere die Widerstandsbewegungen. Kein Zufall sicherlich, denn sein Großvater mütterlicherseits, den er nicht mehr kennen lernte, war Mitglied einer Widerstandsgruppe. Sein politisches Bewusstsein hat aber auch Willi Bohn, ein ehemaliger Stadtrat und ein Nachbar aus seiner Stuttgarter Zeit geprägt. Mit ihm hat er viele Gespräche geführt und dadurch viel über diese Zeit erfahren und gelernt.
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Ein weiteres Beschäftigungsfeld, auf dem er sich im Alter so richtig austoben will, werden ein Blatt Papier und ein Stift sein. Kai Loser bekommt glänzende Augen, wenn er an die viele Zeit denkt, die er dann endlich mit dem Schreiben eines Romans füllen kann. Er hat ein schier unerschöpfliches Reservoir an Ideen, vermutlich tatsächlich auch noch im hohen Alter.
Versonnen testet er sein Dessert und denkt amüsiert über die Frage nach, ob seine Geschmacksnerven im Alter wohl noch genauso einwandfrei funktionieren werden wie jetzt? Allein die Vorstellung, er könnte eventuell nicht mehr die Extraportion Vanille, die er seinem zweifellos vorzüglichen Panna Cotta beigefügt hat, schmecken, lässt ihn schaudern. Wie tröstlich scheint ihm da der Gedanke, dass noch viel Wasser die Isar hinablaufen wird, bis es soweit ist. Vielleicht aber, so merkt er selbstironisch an, wird er dann auch diesbezüglich eine zündende Idee haben.
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