Das klingt, als ob Du über jemand anders sprechen würdest!
Ja, Du hast Recht. So fühlt es sich auch an. Viele meiner Themen von damals, sind nicht mehr meine Themen von heute. Da ist keine Verbitterung, kein Ärger nach dem Motto: „Was warst Du damals unreif!“ „Warum hast Du diesem Thema nur soviel Aufmerksamkeit gewidmet?“ „Hättest Du doch …“ usw. Im Gegenteil, ich freue mich darüber. Auch darüber, dass ich Vergangenes mit soviel emotionalem Abstand betrachten kann. Das ist mir früher deutlich schwerer gefallen.
Ich glaube, ich weiß genau wovon Du redest. Geh mal ein Bisschen mehr ins Detail. Wer das erste Gespräch nicht kennt, versteht bestimmt nicht, was Du sagen möchtest.
Gut, bevor ich die Themen von damals aufgreife, möchte ich mit einem Thema von Heute anfangen: Familie und Kinder. Mittlerweile bin ich verheiratet, habe eine Tochter und ein Sohn ist auf dem Weg.
Glückwunsch
Danke. Auch wohne ich nicht mehr in München. Zwar ist der Sitz der Firma immer noch in München, doch haben wir (die Gesellschafter) gemerkt, dass wir die räumliche Nähe nach der Teamfindung und dem Aufsetzen der Prozesse nicht mehr so dringend benötigen wie in der Startphase. So konnte ich es mir leisten in meine Lieblingsstadt Berlin zurückzukommen. Auch im Hinblick auf das Thema Beruf und Familie eine echter Gewinn. Ich war in den letzten Jahren mehr als 150 Tage pro Jahr unterwegs. Das ist eine echte Belastung für meine Familie. So ist es sehr hilfreich, dass sowohl die Familie meiner Frau, als auch meine Familie in Berlin leben. Es geht nichts über „Oma-Logistik“
Du hast damals gar nicht über das Thema Familie gesprochen.
Ja. Das Thema war zwar irgendwo, aber nicht bei mir im Kopf. Die Gründung der Firma hat mich so eingenommen, dass viel Privates auf der Strecke blieb. Das ging allen Gesellschaftern so. Worüber ich aber damals gesprochen habe, war das Thema Verantwortung und die Pole Autonomie und Interdependenz. Dieses Thema hat für mich mit der Gründung einer Familie ganz neue Schattierungen bekommen. Damals führte die Auseinandersetzung damit zu der Entscheidung für die Selbständigkeit und der notwendigen Motivation diese voranzutreiben, dann entwickelte es sich zu der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Beruf und Partnerschaft und ist heute angekommen als das Thema Gleichgewicht zwischen Beruf und Familie.
Und? Wie schlägt das Pendel aus?
Das hängt davon ab, welche Gewichte ich auf die Seiten der Waage lege. Liegt Zeit auf der Berufsseite, dann sieht es für die Familie schlecht aus. Wenn ich mir aber das Thema etwas differenzierter anschaue, geht es jedoch nur am Rande um Zeit, sondern eher um die Qualität der Zeit.
Quality Time?
Ja. Ekelhafter Begriff. Schließlich hat jede Zeit ihre eigene Qualität. Doch trifft die mit diesem Begriff zusammengefasste aktuelle Diskussion den Kern dessen was ich sagen will. Allerdings bin ich mit diesem Thema noch nicht so vorangekommen, wie ich mir das vorstelle. Da gibt es noch viel zu tun.
Mehr Details?
Nein. Lass uns über was anderes sprechen. „Früher in Jugendträumen wollte ich Held sein, aber habe gemerkt, dass ich besser darin bin andere zu unterstützen.“ Als ich diesen Satz aus unserem Interview von 2002 gelesen habe, musste ich schmunzeln. In zweierlei Hinsicht. Erstens hat er mich geradewegs in meine Kindheit katapultiert, ich konnte förmlich meine Träume von damals riechen. Zweitens hat er mich an einen Satz aus einer Evaluation zu einem Beratungsprojekt von uns erinnert. Dem Sinne nach: „Vorsicht vor dem heroischen Berater.“ Dieser Satz bezieht sich zwar nicht auf mich, doch habe ich eine Beziehung zu ihm. Vor einigen Monaten hat eine Kollegin von mir sich verwundert und besorgt gezeigt, dass ich mich mit Haut und Haaren in Projekte begeben würde und entsprechend meiner starken Identifikation mit dem Kundenanliegen durchaus Gefahr laufen würde, etwas zu konfrontativ zu sein. Mit anderen Worten wollte sie mir sagen: „Claudius, schlag nicht über die Stränge.“ Das hat mich sehr gefreut.
Das musst Du mir erklären.
Es hat mir gezeigt, dass ich an einem Entwicklungsthema von mir vorangekommen bin. Ich bin ein Selbstdarsteller. Ich will gut ankommen. Dafür habe ich früher manchmal (unbewusst) notwendige konfrontative Interventionen geopfert. Zu hören, dass es heute eher umgekehrt ist, freut mich deshalb sehr, da ich in der Fähigkeit zur Konfrontation eine wichtige Beratungsqualität sehe.
Weshalb ist dieses Thema von so großer Bedeutung für Dich, dass Du es hier erwähnst?
Spannende Frage. Der Themenwechsel kam aus dem Bauch heraus. Ich wollte weg vom Privaten zum Persönlichen.
Das ist Dir gelungen. Ich sehe Dich gar nicht als Selbstdarsteller.
Nehmen wir mal an, es wäre tatsächlich so, wie Du sagst. Würde ich dann diese Form wählen? So offen über mich reden, mich selbst zur Diskussion stellen? OK, blöder Stil, ich lass die rhetorischen Fragen weg.
Du beschreibst auf Deiner Selbstdarstellungsseite der Homepage, dass es Deine Stärke wäre auch in schwierigen Situationen die Ruhe und den Überblick zu behalten.
(unterbricht) Stimmt, das ist so.
Und wie sieht es mit Deiner Empfindlichkeit aus?
Du bist auch nicht mehr die, die Du einmal warst.
(beide lachen)
Ich habe gerade mal wieder in einen Klassiker geschaut. Schulz von Thun schreibt (das ist mir früher gar nicht aufgefallen) vom „empfindlichen Beziehungsohr“. Das ist bei mir stark ausgeprägt und das ist gut so. Zumindest im beruflichen Kontext. (lacht). Früher habe ich mir immer eine viel größere Unempfindlichkeit gewünscht.
Und was hat das mit Deinem Perfektionismus zu tun?
Danke. Den habe ich damals angesprochen. Du meinst, dass Empfindlichkeit etwas mit Perfektionismus zu tun hat.
Ja. Ich frage mich, ob Du so perfekt bist, dass es nichts an Deiner Leistung für die Kunden zu kritisieren gibt? Und falls Nein, wie Du mit Kritik an Dir umgehst?
Also, ich habe zum Beispiel ein Hohlkreuz. Soviel zum Thema perfekt sein. An dem Anspruch eine exzellente Leistung zu bringen, hat sich nichts geändert. Dafür bezahlen meine Kunden. Was Du meinst, ist, ob ich angemessen mit Kritik am Berater umgehe?
Ja. Genau.
Es ist nicht einfach, eine Beziehung aufzubauen, in der das Äußern von Kritik selbstverständlich ist. Mein Kollege Kai sagt gerne zu seinen Kunden: "Suchen Sie sich einen Berater bei dem Sie das Gefühl haben, „mit dem kann ich mich streiten“" Das kann ich unterschreiben.
Und? Gab es auch schon Kunden mit denen Du Dich nicht streiten konntest?
Manchmal klappt es einfach nicht miteinander. Das ist normal und das hat nicht immer etwas mit den Fähigkeiten des Beraters zu tun. Oder anders ausgedrückt: Kommunikation ist meine Kernkompetenz und trotzdem will nicht jeder hören, was ich ihm zu sagen habe.
Und was passiert dann?
Im schlimmsten Fall trennt man sich. Ganz einfach und doch schlimm für einen der gerne alles ganz harmonisch hätte.
Und? Wie oft ist Dir das passiert?
Ich mag Dein süffisantes Lächeln. Das lässt mich Deine Hartnäckigkeit viel leichter ertragen.
(beide lachen)
Es ist mir in den letzen 5 Jahren zwei Mal passiert.
Details!
Nein. Darüber können wir unter 4 Augen sprechen aber nicht öffentlich.
Spannend finde ich in unserem Interview von damals, die Frage, ob ich mir einen anderen Beruf vorstellen könnte. Ich stelle mir heute die Frage regelmäßig eher nach dem Motto: Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Die Frage kann ich ganz klar mit ja beantworten. Ich danke Dir für das Gespräch.
(Beide lachen)
Na dann bis in 5 Jahren
Vielleicht doch etwas früher.
(Das Gespräch ist gekürzt)
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